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Nachricht vom 26.06.2012    

„Langeweile wird nicht aufkommen!“

Interview mit Bürgermeister Bernd Benner, der am Mittwoch (27.6.) sein Amt an Horst Rasbach aus Kleinmaischeid übergibt

Er hat wie kein anderer die Entwicklung der Verbandsgemeinde Dierdorf und der umliegenden Region in den vergangenen 26 Jahren geprägt. Er hat Stellung bezogen in strittigen Diskussionen und seine Vorstellungen zusammen mit den ihn unterstützenden Gremien und Weggefährten umgesetzt, auch gegen Widerstände. Bernd Benner hat Projekte angefasst und zur Vollendung gebracht, die noch lange Maßstäbe setzen werden in der Region. Dazu zählen in der jüngsten Vergangenheit der Neubau des Hallenbades und das Holzhackschnitzelheizwerk. Auch in politischen Diskussionen hat sich der langjährige Bürgermeister mit immer fundierten und sachkundigen Beiträgen zu Wort gemeldet. Der NR-Kurier hat dem scheidenden Bürgermeister zum Abschluss seiner Beamtenkarriere Fragen gestellt. Morgen, am Mittwoch (27.6.) übergibt Bernd Benner sein Amt an seinen Nachfolger Horst Rasbach.

Er hatte immer eine zündende Idee: Bernd Benner bei der Inbetriebnahme des Dierdorfer Holzhackschnitzel-Heizwerks. Fotos: Wolfgang Tischler/Holger Kern

Herr Benner, was sehen Sie als Ihre größten Erfolge an?

Am meisten war mir an der Sanierung der bei Amtsantritt zerrütteten Finanzen (höchste Verschuldung unter 163 Verbandsgemeinden und zweithöchste Umlage gegenüber den Ortsgemeinden in Rheinland-Pfalz) gelegen. Die Pro-Kopf-Verschuldung konnte von 860 Euro auf 220 Euro (31.03.12), also um rund 75 Prozent gesenkt werden.
Gleichwohl wurden Investitionen in Millionenhöhe getätigt: in die Schulen, Schulsportstätten, in das Hallenbad, die Feuerwehr, die Radwege und anderes. Die im VG-Haushalt nicht enthaltenen sondern in eigenen Wirtschaftsplänen dargestellten Investitionen in den Bereichen Wasser und Abwasser übertreffen die vorgenannten Ausgaben sogar um ein Vielfaches. Durch die Senkung der VG-Umlage von 53,1 Prozent um rund 29 Prozent auf 37,9 Prozent wurden gleichzeitig den Ortsgemeinden Freiräume verschafft, die sie für Strukturverbesserungen und zur Verschönerung ihrer Ortsbilder nutzten.

Was hat nicht funktioniert?

Auf dem Gebiet der Ressourcenschonung hätte man in Ansehung der Endlichkeit der fossilen Energieträger, des Klimawandels und des zu großen „ökologischen Fußabdrucks“ gegenüber den Entwicklungs- und Schwellenländern mehr tun müssen. Unsere Maßnahmen - Pelletheizung für das neueste Schulgebäude, Photovoltaik auf der Kläranlage, Fernwärme auf Holzhackschnitzelbasis und jüngst auch mit dem Blockheizkraftwerk - können sich zwar sehen lassen, dürfen aber nur ein Anfang sein. Die zunächst gescheiterte Windkraft Marienhausens, flankiert durch den Flächennutzungsplan der Verbandsgemeinde, hätte zu einer vollständigen Stromversorgung mit regenerativer Energie geführt.

Würden Sie denselben Beruf noch einmal wählen?

Bürgermeister ist kein erlernbarer Beruf. Man muss hierfür nur einige Voraussetzungen erfüllen: ein Mindestalter von 23 Jahren, deutsche Staatsangehörigkeit, Wählbarkeit - und dann auch noch gewählt werden. Man sollte aber eine gehörige Passion für das Amt mitbringen, sonst geht das schief.
Mein erlernter Beruf „gehobener Verwaltungsdienst“ hat mir die Aufgabe wesentlich erleichtert, und ich würde den Schritt nochmals tun.

Haben Sie Entscheidungen getroffen, bei denen Sie hinterher ein schlechtes Gewissen hatten?

Ein schlechtes Gewissen hatte ich nach Entscheidungen nicht, da man ja vorher alles gründlich abgewogen haben sollte. Allerdings gab es in 26 Jahren auch mehrmals unliebsame Entscheidungen zu treffen, die aus dienstlichem Fehlverhalten resultierten. Diese belasten ungleich mehr als Sachprobleme. Motivierte und loyale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stellten aber die weitaus große Mehrzahl der Bediensteten dar. Und ihnen ist es mit zu verdanken, wie die Verbandsgemeinde Dierdorf heute dasteht.

Was hätten Sie gern noch erreicht?

Ergänzend zur zweiten Frage möchte ich ausführen, dass ein in 2011 erteilter Auftrag zur Ausschilderung unseres Radwegenetzes bisher trotz mehrmaliger Erinnerungen noch nicht begonnen wurde. Gerade am gut besuchten Rad-Event „Jedem sayn Tal“ am 17. Juni wurde ich hierauf mehrmals angesprochen.

Stichwort „Staatsgemeinschaft Deutschland“: Wo sehen Sie Sparpotenziale, wo nicht ausgeschöpfte Einnahmequellen?

Unser föderaler Staatsaufbau ist Folge der negativen Erfahrungen mit dem ersten Zentralstaat auf deutschem Boden während der zwölfjährigen NS-Diktatur und als unabänderbar im Grundgesetz verankert. Nachdem die Länder nach 1945 zunächst die einzigen staatlichen Stellen darstellten, kam 1949 mit der Bildung der Bundesrepublik eine weitere hinzu. Durch das sukzessive Heranwachsen Europas seit 1957 zu einer weiteren supranationalen Ebene, der inzwischen wichtige Bereiche übertragen sind, haben wir es inzwischen quasi mit einem dreistufigen Staatsaufbau zu tun. Eine damit einhergehende Verschlankung der nachgeordneten Ebenen ist nicht festzustellen. Auch die kommunalen Strukturen in Rheinland-Pfalz sind gekennzeichnet durch eine exzessive Atomisierung, wie vier- bis fünfstufiger Aufbau - Ortsteile, Ortsgemeinden, Verbandsgemeinden und verbandsfreie Gemeinden, Landkreise und in der Pfalz noch der Bezirksverband - und durch die Anzahl von fast 2.500 kommunalen Gebietskörperschaften - 2.257 Ortsgemeinden, noch 163 Verbandsgemeinden und 28 verbandsfreie Gemeinden, acht große kreisangehörige und vierzehn kreisfreie Städte, 24 Landkreise und der Bezirksverband Pfalz. Damit leisten wir uns, gemessen an der Einwohnerzahl im Vergleich zum Bundesland Nordrhein-Westfalen, welches das andere Extrem darstellt, das circa 23-fache an Kommunen.



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Wie werden Sie demnächst Ihre Freizeit gestalten?

Diese Frage wird wohl an keinen aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden so selbstverständlich gestellt wie an Bürgermeister. Das liegt sicher daran, dass man uns permanent wahrnimmt, sei es tagsüber am Schreibtisch und außerhalb der Dienstzeit bei allen möglichen Anlässen. Aber gerade deshalb freut man sich nach so langer Zeit darauf, künftig den Neigungen nachgehen zu können, die über 26 Jahre etwas zu kurz kamen, wie sportliche Betätigung, Lesen, Musik und Pflege des Wohnanwesens inklusive Gartenbau – natürlich ökologisch!
Außerdem bin ich noch bis 2014 Mitglied im Kreistag und in drei Untergremien. Seit 1989 gehöre ich bis auf Weiteres der Regionalvertretung in der Planungsgemeinschaft Mittelrhein- Westerwald und deren Umweltausschuss an. Die SPD-Fraktion in der Regionalvertretung darf ich seit dem 1.1.2005 leiten, ebenso deren Umweltausschuss. Im Westerwaldverein habe ich die Wegemarkierung für zwei Streckenabschnitte von insgesamt 40 Kilometer Länge übernommen. Langeweile wird also nicht aufkommen.
Die Fragen stellte Holger Kern


Kurzbiografie Bernd Benner

Geb. am 17.01.1949 in Caan/Uww.

Nach 4-jähriger Volksschule, Realschule und 1-jähriger Höherer Handelsschule am

01.04.1966 Beginn einer einjährigen Verwaltungslehre bei der Bezirksregierung Montabaur

01.04.1967 Übernahme als Inspektor-Anwärter

02.09.1970 Inspektorprüfung und Übernahme als Inspektor z. A. bei der Bezirksregierung Koblenz (Rechtsnachfolgerin der zum 1.10.1968 aufgelösten Bezirksregierung Montabaur)

02.01.1971 -
30.06.1972 Wehrdienst

1971 – 1974 Berufsbegleitendes Studium an der Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie Rheinland-Pfalz mit Erwerb des Verwaltungs-Diploms

bis 1973 Personalsachbearbeiter bei der Schulabteilung

ab 1973 Sachbearbeiter bei der Kommunalaufsicht

1974 – 1986 Mitglied im Ortsgemeinderat Caan

1984 – 1986 1. Beigeordneter der Ortsgemeinde Caan

ab 1.8.1986 Bürgermeister der Verbandsgemeinde Dierdorf



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